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Ein Alibi zuviel |
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„Zahlen
bitte“ Der gemütliche Gastraum im Ratskeller einer kleinen westfälischen
Stadt in der Nähe von Münster leerte sich langsam. Am Stammtisch saßen
vier Männer im gesetzteren Alter vor ihrem letzten Pils und Korn. Sie
hatten wie jeden Mittwoch die ausgezeichnete, wirklich hausgemachte Sülze
gegessen und stets dafür gesorgt, dass sie nicht allzu trocken herunter
geschluckt werden musste. Und sie hatten wie immer über Gott und die Welt
geredet. Heute jedoch war das Hauptthema die bevorstehende Pensionierung
des Jüngsten in der Runde, Karl-Heinz "Kalle" Wittpohl, 57
Jahre und Kriminal-hauptkommissar der örtlichen Polizei. In sechs Wochen
sollte endgültig Schluss sein. Schluss mit dem beruflichen Alltagstrott,
kein mühseliges Tippen mehr von Berichten nach dem Zweifinger-Suchsystem, Schluss
aber auch mit den so seltenen wirklich interessanten Fällen.
"Sag
mal Kalle, wie viel Hühnerdiebe hast Du in Deiner Karriere eigentlich
gefangen, und wie viele sind Dir durch die Lappen gegangen?" Dr.
Kamender, von allen nur Doc genannt, hatte sich in den fast 25 Jahren des
Stammtisches zum Oberlästermaul entwickelt.
"Wer
euch Schlitzohren kennt, für den sind selbst Hühnerdiebe nette
Zeitgenossen. Aber nun mal ernsthaft, ich kann und will mich einfach nicht
damit abfinden, dass ich in Pension gehe und ein noch recht junger Fall
aus unserer kleinen Stadt im Archiv als Unfallbericht verstaubt. Die
Staatsanwaltschaft hat die Ermittlungen eingestellt, für mich war es
allerdings eindeutig Mord".
"Mord...bei
uns...glaube ich nicht...kann nicht sein...Kalle erzähl...Gitta!!!noch ne
Runde".
Nachdem
alle mit frischem Bier versorgt waren, erzählte Kalle die Geschichte:
"Ihr
erinnert Euch sicher an den tragischen Unfall während der Jagd unseres örtlichen
Jagdvereins Ende September vergangenen Jahres. An der Jagd nahmen
insgesamt neun Jäger teil, unter Ihnen auch Wilhelm Verskamp, 63 Jahre
alt und Besitzer der hiesigen Möbelfabrik. Gegen 10 Uhr bezogen die Jäger
ihre Hochsitze, Verskamp wie immer seinen abseits gelegenen Sitz an der
Nordseite des Reviers, in der Nähe der Bundesstrasse von Albachten nach Bösensell.
Gegen
12:15 fand der Jagdaufseher Verskamp regungslos unter seinem Hochsitz. Er
informierte sofort den Notarzt und anschließend die Ehefrau. Der Notarzt
konnte nur noch den Tod feststellen. Die Todeszeit wurde später auf ca. 12 Uhr festgelegt. Alles deutete daraufhin, dass Verskamp
aus dem Hochsitz gestürzt war und sich das Genick gebrochen hatte. Die
Untersuchungen am Tatort und auch die Obduktion ergaben keine weiteren
Erkenntnisse. Verskamp galt als erfahrener Jäger, der den Hochsitz vor über
20 Jahren selbst gebaut hatte. Seine Jagdkameraden halten es für
unwahrscheinlich, dass sich Verskamp zu weit aus dem Hochsitz gelehnt hätte,
um zum Beispiel das Wild besser sehen zu können, und dabei abgestürzt wäre.
Einer sagte sogar, Verskamp würde sich höchstens für ein zweibeiniges
und besonders hübsches weibliches Wesen aus dem Hochsitz lehnen, aber
niemals für ein Stück Wild.
Die
Ehefrau des Opfers traf gegen 12:40 am Unfallort ein. Sie blieb etwa 40
Minuten und fuhr dann nach Hause, um sich,
wie sie sagte ..zu sammeln. Für 16:30 wurde ein Termin bei der
Polizei vereinbart.
Bei
einem unnatürlichen Tod nehmen wir grundsätzlich weitere Untersuchungen
vor. Es wird gefragt, wer hat ein Motiv, wer könnte von diesem Tod Nutzen
ziehen. Nun, da ist einmal die Ehefrau Irene Verskamp. Sie ist die zweite
Frau des Verunglückten, sehr attraktiv, 40 Jahre alt und damit 23 Jahre jünger
als ihr Mann. Das Paar ist kinderlos, der Ehemann hat eine sehr hohe
Lebensversicherung zu ihren Gunsten abgeschlossen, und sie ist
testamentarisch als Haupterbin eingesetzt. Man munkelt ausserdem, dass sie
ein Verhältnis mit Uwe Bernsdorp hat.
Bernsdorp
ist 45 Jahre alt, Innenarchitekt und den schönen, aber auch teuren Dingen
des Lebens nicht abgeneigt. Er ist seit vier Jahren in der Firma als
relativ hochdotierter Geschäftsführer beschäftigt. Seine Position
wackelte in letzter Zeit bedenklich, da der alte Verskamp von den Gerüchten
über die Beziehung zu seiner Frau erfahren hatte.
Beide
konnten jedoch für den Tatzeitraum detaillierte Alibis vorlegen. Die
Ehefrauen und Partnerinnen der Jagdteilnehmer hatten, quasi als
Gegenveranstaltung, eine Kaffeetafel in einem Restaurant organisiert, an
der auch Irene Verskamp teilnahm. Sie wurde während des Treffens, in
Gegenwart der anderen Damen vom Jagdaufseher telefonisch über den Unfall
informiert. Bevor sie zur Unfallstelle fuhr, telefonierte sie noch mit
Bernsdorp. Er nahm an diesem Wochenende an einer Informations- und
Weiterbildungsveranstaltung für Innenarchitekten auf der Insel Wangerooge
teil, die am Samstag abend geendet hatte. Eigentlich wollte er noch zwei
Urlaubstage anhängen, auf Bitte von Frau Verskamp sagte er seine
sofortige Rückkehr zu. Als Alibi legte er ein Fährticket mit Tagesdatum,
ein Foto, dass ihn auf der Fähre zeigte, und eine Tankquittung vom
gleichen Tage vor.
Die
Staatsanwaltschaft stufte den Fall als Unfall ein.
Freunde,
wenn ich eine solche Fülle an guten Alibis höre, dann zuckt es in meinem
linken Bein, dann komme ich ins grübeln. Das ist mir zuviel des Guten“.
20,
30 Sekunden herrschte Ruhe am Stammtisch. Dann hob ein Stimmengewirr an
„Könnte nicht...war da nicht...was ist auf dem Foto...ich kenn die
Insel und, und, und“
Plötzlich
sassen vier Kriminalisten am Tisch, jeder wollte die Akten studieren.
Kalle befand sich in einer Zwickmühle, einerseits freute er sich, dass
seine Kollegen helfen wollten, andererseits konnte er nicht die amtlichen
Akten an einen Biertisch mitnehmen. Wie immer hatte der Doc die beste
Idee: Lade uns doch einfach alle amtlich zum Verhör in dieser
Angelegenheit vor. Dann können wir alle in Deinem Büro in alle Akten
schauen, und unsere Meinungen und Informationen dazu abgeben.
In
den folgenden Tagen herrschte rege Betriebsamkeit. Man telefonierte, faxte
und diskutierte. Man kam vor allem zu einer Arbeitshypothese.
Am
Montag der folgenden Woche hatte Kalle Wittpohl die beiden Verdächtigen
noch einmal zu einer Vernehmung ins Polizeipräsidium einbestellt. Beide
wurden getrennt verhört.
"Herr
Bernsdorp, ich habe Sie noch einmal hier ins Präsidium gebeten, es gibt
da noch einige Unklarheiten über Ihren Tagesablauf am Unfalltag Ihres
Chefs. Sie hatten zu Protokoll gegeben, dass Sie gegen
12:20 von Frau Verskamp per Handy in Wangerooge über den Unfall
ihres Mannes informiert wurden. Sie haben sich sofort auf den Weg gemacht,
die zweite und letzte Fähre des Tages genommen, sind gegen 16:15 hier
eingetroffen und haben sich bei der Polizei gemeldet.
Auf
der Fähre hatten Sie einen anderen Passagier gebeten, das letzte Bild auf
dem Film in Ihrer Kamera zu verknipsen. Sie haben dieses Bild hier
eingereicht. Es zeigt Sie auf dem Oberdeck der Fähre, mit dem Rücken zur
Fahrtrichtung, auf dem Tisch vor Ihnen liegt eine Sonntagszeitung mit
deutlich erkennbaren Titel vom gleichen Tag. Weit voraus sieht man die
Hafeneinfahrt von Harlesiel, das bedeutet, die Fähre fährt auf Südkurs.
Schauen Sie sich doch dieses Bild doch noch einmal an. Fällt Ihnen etwas
Besonderes auf?
Nein,
dann will ich es Ihnen sagen. Wie man auf dem Foto erkennen kann, hatten
wir an diesem Tag strahlend sonniges Spätherbstwetter. Wenn Sie die 13:30
Fähre benutzt hätten, hätte das Schiff etwa um 14:15 die
Position während der Aufnahme eingenommen. Zu dieser Jahreszeit steht die
Sonne dann schon deutlich im Westen. Dabei wirft sie einen Schatten, der
in dieser Aufnahmeposition nach links zeigen müsste. Auf Ihrem Bild fällt
Ihr Schatten ganz klar zu Ihrer rechten Seite. Und das ist nur morgens möglich.
Als
zweites Alibi haben Sie eine Tankquittung von der Autobahntankstelle Münsterland-West
eingereicht. Auf dieser Quittung ist als Kassenzeit 15:22 ausgewiesen. Wir
hatten kurz nach dem Unfall auch das Überwachungsvideo der Tankstelle
sichergestellt, dass Sie deutlich mit Ihrem Wagen um 15:20 an einer Zapfsäule
zeigt. Ein Tankstop war allerdings überhaupt nicht nötig. Sie haben nur
32 Liter getankt, der Tank Ihres Wagens fasst aber 72 Liter. War das etwa
nur zur Alibibeschaffung?
Herr
Bernsdorp, Sie haben die Frühfähre um 8 Uhr ab Wangerooge genommen, sind
ca. um 9 Uhr in Harlesiel angekommen, und sind auf schnellstem Wege nach
Hause gefahren. Sie waren hier gegen 16:10 bei der Polizei. Was haben Sie
in den dazwischen liegenden sieben Stunden gemacht?
Wo
befanden Sie sich, als Frau Verskamp Sie über den Unfall informierte?“.
Mit
den gleichen Fakten wurde auch Irene Verskamp immer wieder konfrontiert.
Sie war es, die als Erste zusammenbrach und ein Geständnis ablegte.
Auch
an diesem Mittwoch tagte die Stammtischrunde wieder im Ratskeller. Jedoch
nicht wie gewohnt in der gemütlichen Gaststube, sondern im rustikalen
Jagdzimmer. Kalle erzählte noch einmal die ganze Geschichte, so wie sie
sich wirklich zugetragen hatte:
„Es
war ein von langer Hand vorbereiteter und sorgfältig geplanter Mord. Das
Motiv dafür war reine Geldgier, vor allem die hohe Lebensversicherung und
die Übernahme des florierenden Betriebes. Und es ging um das Liebesverhältnis
von Irene Verskamp und Uwe Bernsdorp, der alte Verskamp hatte davon
erfahren und drohte sogar mit einer Scheidung.
Der
Jagdtermin stand schon seit dem Frühsommer fest. Um die nötigen Alibis
zu konstruieren, hatte sich Bernsdorp zu einer Veranstaltung
auf Wangerooge angemeldet, und Irene Verskamp den Kaffeeklatsch
angeregt. Am Tattag nahm Bernsdorp die Frühfähre von Wangerooge, und
fuhr auf der A1 bis zur Raststätte Münsterland-West. Dort parkte er
seinen Wagen versteckt hinter einigen LKWs und verliess das Gelände über
ein angrenzendes Waldstück in Richtung eines kleinen landwirtschaftlichen
Nutzweges.
Irene
Verskamp machte sich gegen 10:45 auf den Weg. Sie fuhr jedoch nicht direkt
zum Kaffeeklatsch, sondern zum vorher vereinbarten Treffpunkt in der Nähe
der Raststätte. Dort stieg Bernsdorp zu ihr ins Auto. Sie setzte
Bernsdorp in der Nähe des Hochsitzes von Verskamp ab und fuhr dann erst
zu ihrem Treffen.
Bernsdorp
schlich sich durch das kleine Waldstück zum Hochsitz und erklomm diesen.
Nach einem kurzen Handgemenge stürzte er Verskamp über die Brüstung in
die Tiefe. Er hat später zugegeben, dass er notfalls das Opfer noch mit
einem Stein erschlagen hätte, wenn es noch Lebenszeichen gegeben hätte.
Anschliessend versteckte er sich im Wald und wartete auf einen Anruf von
Irene Verskamp, dass sie nun den Unfallort verlässt. An einem
vereinbarten Treffpunkt stieg Bernsdorp wieder in ihr Auto. Sie fuhr ihn
zunächst in die Nähe der Raststätte und setzte ihn dort ab, dann weiter
nach Hause.
Bernsdorp
schlich sich zum Raststättenparkplatz, wartete noch einige Zeit in seinem
Wagen, tankte um sich ein weiteres Alibi zu verschaffen und fuhr dann
direkt zur Polizei.
Ja
Freunde, zwei grosse Fehler haben die Täter gemacht. Einmal haben sie
versucht, allzu perfekte Alibis zu konstruieren, das Foto auf der Fähre
hat schliesslich zur Aufklärung beigetragen. Und zweitens haben sie die
Pfiffigkeit dieser Runde unterschätzt“.
Kalle
hatte eingeladen. Man hatte schließlich einen gemeinsamen Sieg zu feiern.
Es gab Rehrücken in Wacholderrahmsauce, dazu Rotkraut und Knödel. Als
Wein hatte Kalle einen wundervoll samtigen 93er Rioja Reserva ausgewählt.
Aber wie das bei den echten Westfalen so ist, selbst nach dem besten Wein
kommt irgendwann einmal der richtige Durst. Und den löscht man in diesem
Landstrich nur mit Pils. Und das floss in dieser Nacht noch reichlich.
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